Buchausgabe 2026 · Autobiografische Erzählung

MY LIFE

Mein Leben. Meine Wahrheit. Mein Weg.

Autor:
© 2026 Bo Maex Schneider

Rechte-Hinweis:
Alle Rechte vorbehalten.

Verlagsangabe:
Verlag: Selbstverlag
Bo Maex Schneider
Salmstr. 15
52222 Stolberg

Mail: bomaex(at)gmx.de

Die vollständige Geschichte von Bo Maex Schneider – über Flucht, Überleben auf der Straße, Herkunft, Neubeginn, Menschen, Identität, Musik und den Mut, die eigene Geschichte selbst zu erzählen.

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Vorwort

Eine Geschichte, die nicht perfekt sein muss, um wahr zu sein.

Wir haben heute den 1. November 2024. Dies ist mein Buch My Life – mein Leben. In diesem Buch sind etliche Orte und etliche Personen namentlich verändert – aus juristischen Gründen und aus Gründen des Persönlichkeitsrechts. Sollte sich eine Person wiedererkennen und meinen, sie hätte einen Rechtsanspruch darauf, dagegen vorzugehen: Dem ist nicht so, da ich selbst die Namen verändert habe. Wenn du eine Person bist, die mich kennt, die an meinem Leben teilgenommen hat, wirst du dich selbstverständlich wiedererkennen und wissen, dass ich das bin.

Aber Menschen, die weder dich noch mich kennen, können nicht wissen, dass du diese Person bist. Damit ist das Persönlichkeitsrecht abgesichert. Ich selbst kann sagen: Ich bin Baujahr 1979, aktuell 45 Jahre alt, und ich bin intersexuell. Ich habe eine riesige Zeitreise hinter mir – und vor mir. Beim Zusammenstellen dieses Buches habe ich vieles noch einmal Revue passieren lassen. Das war sehr bewegend, an manchen Stellen mehr, als ich vorher gedacht hatte.

Ich habe lange überlegt, wie ausführlich ich erzählen soll. Ein Podcast lebt von Kürze, ein Buch lebt von Raum – Raum für die Zwischentöne, für die Momente, die man in wenigen Sätzen sonst verschluckt. Deshalb ist aus den Aufnahmen mehr geworden als eine bloße Abschrift: ein Buch, in dem ich mir die Zeit nehme, die Dinge auch einmal zu Ende zu erzählen. Es werden viele unschöne Dinge in diesem Buch stehen – Dinge, die man eigentlich keinem Menschen wünscht.

Manches wird für dich kaum vorstellbar klingen. Je nachdem, in welchen Welten du dich bewegst oder bewegt hast, wird es Stellen geben, an denen du denkst: Das kann doch gar nicht sein. Doch, das gibt es. Für mich persönlich waren gerade die ersten zwanzig Lebensjahre extrem. Das wirst du schon im ersten Kapitel merken. Aber dort, wo ich heute stehe, stehe ich, weil ich dort stehen möchte. Und mir geht es gut. Das ist für mich das Wichtigste.

Warum ich mein Leben auf diese Weise erzähle? Weil ich der Meinung bin, dass man damit anderen Menschen Mut machen kann. Ich habe genug Rückmeldungen bekommen, die mir zeigen: Wer als Kind auf der Straße gelebt hat oder Schlimmes erlebt hat, kann trotzdem aufstehen und lernen, das Leben neu zu leben. Man muss nicht unten bleiben. Dieses Buch ist ab 16 Jahren freigegeben.

Inhaltsverzeichnis
Prolog

Der Moment, bevor alles beginnt

Es gibt diesen einen Moment im Leben, an dem man später zurückdenkt und weiß: Ab hier war nichts mehr, wie es vorher war. Bei mir ist es der Abend des 6. Dezember 1990. Ich war elfeinhalb Jahre alt, hatte eine Spardose mit etwas über 250 DM in der Tasche, meinen Walkman mit dreißig Kassetten unter dem Arm – und einen Entschluss, den ich mit einer Entschlossenheit gefasst hatte, wie man sie sonst nur Erwachsenen zutraut.

Wenn ich heute, mit 45 Jahren, auf diesen Jungen zurückblicke, der querfeldein durch einen winterkalten Wald lief, dann sehe ich zugleich Angst und Klarheit in ihm. Angst vor dem, was er zurückließ. Klarheit darüber, dass er es zurücklassen musste, koste es, was es wolle. Dieses Buch ist der Versuch, diese Klarheit nachvollziehbar zu machen. Nicht, um Mitleid zu erzeugen – davon halte ich wenig. Sondern um zu zeigen, wie ein Leben aussehen kann, das nicht dem Drehbuch folgt, das man normalerweise für eine Kindheit vorsieht, und das trotzdem, am Ende, an einem guten Ort ankommt.

Ich erzähle diese Geschichte chronologisch, so gut es aus der Erinnerung und aus den Akten heraus möglich ist. Manche Lücken bleiben Lücken. Manche Namen sind verändert. Aber jede Station, jede Straße, jeder Bahnhof, jeder Mensch, dem ich in diesen Jahren begegnet bin, ist real gewesen. Bevor du weiterliest, möchte ich dir eines mitgeben: Dieses Buch ist kein Buch über ein Opfer. Es ist ein Buch über jemanden, der sich, oft gegen jede Wahrscheinlichkeit, sein eigenes Leben zurückerobert hat – Stück für Stück, Jahr für Jahr, Entscheidung für Entscheidung.

Und jetzt kommt der Winter 1990. Kommen wir zum Anfang. TEIL Eins Die Flucht und die Straße „Ich bin weg, ich bin da raus."

Kapitel 1

Die Flucht

Meine Geschichte beginnt nicht bei meiner Geburt, sondern am 6. Dezember 1990. Ich war zu dem Zeitpunkt etwas über elf Jahre alt – geboren bin ich im April 1979. In den ersten elf, elfeinhalb Jahren meines Lebens war extrem viel vorgefallen: Gewalt, Missbrauch und vieles mehr. Darauf komme ich in einem späteren Kapitel zurück. An jenem Abend im Dezember hatte ich einen Punkt erreicht, an dem ich es nicht mehr aushielt.

Ich war so am Ende, dass ich mit elfeinhalb Jahren beschlossen habe: Ich haue ab. Kein Plan, kein Ziel – nur der unbedingte Wille, hier weg zu sein. Ich plünderte meine Spardose – etwas über 250 DM waren darin, mühsam gespart aus Taschengeld und den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich überhaupt etwas besitzen durfte. Im Vorbeigehen klaute ich meiner Erzieherin noch eine Flasche Schnaps, aus einem Trotz heraus, den ich mir selbst bis heute nicht ganz erklären kann.

Das ist auch das einzige Mal gewesen, dass ich wirklich etwas gestohlen habe – in diesem Bereich wie in jedem anderen. Ich hatte an, was ich anhatte: Schuhe, eine Hose, ein Top, ein TShirt, Pullover, Jacke. Dazu meinen Walkman mit dreißig Kassetten – ich war schon damals extrem musikbasiert, und dementsprechend musste die Musik mit, komme, was wolle. Natürlich auch Ersatzbatterien für die Kopfhörer. Man denkt an die kuriosesten Dinge, wenn man in wenigen Minuten sein ganzes bisheriges Leben zusammenpackt.

Es war kalt, die Nacht kündigte sich früh an, und der Wald, durch den ich lief, war zu dieser Jahreszeit alles andere als einladend. Aber ich floh querfeldein, bewusst nicht auf den direkten Wegen. Ich hatte in der Nähe von Lohmar gewohnt, im Rhein-Sieg-Kreis, ländlich. Zum Bahnhof in meinem eigenen Ort wollte ich nicht, weil man mich dort mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort entdeckt hätte – ich war, das muss ich rückblickend sagen, für mein Alter bereits erstaunlich vorausschauend.

Also ging ich zu Fuß weiter, bis nach Overath, und nahm dort mit einem JuniorTicket, das es damals für den Rhein-Sieg-Kreis gab, den Zug. Gestrandet bin ich zunächst in Köln, am Hauptbahnhof, auf der Rückseite am Breslauer Platz. Ich erinnere mich an das Licht der Bahnhofslampen, an den Geruch von Diesel und kaltem Stein. Ich holte mir ein Fischbrötchen und setzte mich auf einen Stein – den es dort, so glaube ich, heute noch gibt.

Es ist inzwischen 2024, und ich habe diesen Ort seither mehrfach besucht, einfach um zu sehen, ob die Erinnerung noch stimmt. Es war ungefähr 18 Uhr. Ich machte mir in diesem Moment keine großen Gedanken darüber, wie es weitergehen sollte. Durch alles, was mir im Heim widerfahren war, war ich sehr früh erwachsen geworden – emotional weiter, als es meinem Alter entsprach, aber auch kälter, pragmatischer. Ich saß dort mit meinem Fischbrötchen und dem Geld in der Tasche und dachte nur: Ich bin weg, ich bin da raus.

Alles andere würde sich finden. Was mir schnell durch den Kopf ging: Hier läuft Polizei. Wenn die mich kontrollieren, komme ich zurück. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Also setzte ich mich in einen Zug und fuhr los, ohne genau zu wissen, wohin. Ich wollte nur weit weg. Sylt kannte ich schon, aus einem früheren Urlaub, und ich wusste: Hamburg ist weit weg, und von dort kommt man notfalls noch weiter. Der Kontrolleur kam.

„Ihren Fahrausweis." – „Habe ich nicht." – „Wo wollen Sie denn hin?" – „Hamburg", sagte ich, weil es mir gerade einfiel. Er fragte, ob ich eine Fahrkarte bei ihm kaufen könne. Ich sagte: „Wenn sie nicht mehr als 250 Mark kostet, kann ich das." Er schaute mich an, lachte, und meinte, so teuer sei Bahnfahren nun auch wieder nicht. Er stellte mir ein Ticket aus, ich bezahlte – und strandete in Hamburg. Der Hamburger Hauptbahnhof war für mich ein riesiges Gebäude, lauter und heller, als ich es aus meiner ländlichen Umgebung kannte.

Wir hatten mittlerweile knapp ein Uhr nachts – der 7. Dezember 1990 hatte begonnen. Ich holte mir etwas zu essen und setzte mich draußen auf einen Stein. Ich hatte, so scheint es rückblickend, eine besondere Beziehung zu Bahnhofssteinen entwickelt – sie waren in diesen ersten Stunden meine einzigen verlässlichen Sitzgelegenheiten. Polizei war nicht in Sicht, was schon mal gut war. Dann sprach mich eine Frau an, mit einem Satz, den ich nie vergessen werde: „So ein zartes junges Wesen wie du hat um diese Uhrzeit nichts am Bahnhof zu suchen.

Das ist viel zu gefährlich für dich, und ich rede nicht von der Polizei. Wenn du möchtest, bringe ich dich an einen sicheren Ort." Ich nahm das Angebot mit großen Augen an, weil ich spürte, dass diese Person mich wirklich schützen wollte. Ich hatte durch alles, was ich erlebt hatte, schon damals eine sehr gute Menschenkenntnis. Und ihr habe ich, warum auch immer, sofort vertraut. Im Rückblick war dieses Vertrauen der erste von vielen Wendepunkten in dieser Geschichte – nicht immer zum Guten, aber immer prägend.

Zwischenspiel I

Was Vertrauen bedeutet

Wenn ich heute jungen Menschen begegne, die mit mir über ihre eigenen Brüche im Leben sprechen, kommt früher oder später die Frage: Wie kann man nach so etwas überhaupt noch jemandem vertrauen? Meine Antwort ist meistens die gleiche: Man lernt, anders zu vertrauen. Nicht blind, sondern beobachtend. Ich habe als Kind gelernt, in Sekunden zu erfassen, ob jemand es gut mit mir meint oder nicht – eine Fähigkeit, die sich niemand wünscht, sich aneignen zu müssen, die aber, ist sie einmal da, ein Leben lang bleibt.

Die Frau am Hamburger Hauptbahnhof hätte mich auch in die falsche Richtung führen können. Das war mir in dem Moment, mit elf Jahren, nicht bewusst – aber im Rückblick war es pures Glück, gepaart mit einem Gespür, das ich mir in den vorangegangenen Jahren notgedrungen erarbeitet hatte. Vertrauen ist für mich seitdem etwas, das man sich verdienen muss, aber auch etwas, das ich bereit bin zu schenken, wenn die Zeichen stimmen.

Das hat mich mein Leben lang begleitet – im Guten wie im weniger Guten, wie du in den folgenden Kapiteln sehen wirst.

Kapitel 2

Die Reeperbahn wird mein Zuhause

Die Fahrt mit der Frau, die mich aufgesammelt hatte, war eigentlich schön. Wir fuhren vielleicht zwanzig Minuten, vielleicht eine Stunde – mit einem kurzen Abstecher in St. Georg, wo sie noch etwas abholen musste. Ich erinnere mich an die Fensterscheiben des Autos, beschlagen von der Kälte draußen und der Wärme drinnen, und an die Lichter, die daran vorbeizogen. Dann landeten wir auf der Reeperbahn. Es war für mich aufregend: viele bunte Lichter, viele Menschen, ein Puls in der Straße, den ich aus meinem ländlichen Zuhause nicht kannte.

Sie sagte nur: „Bleib bei mir, dann passiert dir hier nichts." Ich sah aus dem Auto Touristen, aber auch Junkies, Alkoholiker, Obdachlose, Bars, Kneipen, Bordelle – alles auf einer Straße, dicht an dicht, ohne die Trennlinien, die man aus einem geordneten Alltag kennt. Wir hielten in einer Seitenstraße neben der Davidwache. Sie ließ mich in ein Lokal, in dem einige Jungen und Mädchen in meinem damaligen Alter saßen, etwa zwischen elf und sechzehn Jahren – und daneben ältere Frauen, die sich mit ihnen unterhielten.

Manche gingen zusammen weg. Ich habe mir dabei zunächst nichts gedacht; ich war müde, hungrig und froh, einen Ort gefunden zu haben, an dem es warm war. Die Frau fragte, ob ich etwas essen wolle. Danach bot sie mir an, dort zu bleiben. Ich sagte zu – wo sollte ich sonst hin? Sie brachte mich in ein kleines Zimmer im Obergeschoss über dem Lokal. Klamotten, sagte sie, würden wir am nächsten Tag besorgen. Sie war keine Zuhälterin, sondern in diesem Moment einfach für mich da, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich festhalten, weil es für das Verständnis dessen, was folgt, wichtig ist. Am nächsten Morgen weckte sie mich mit den Worten, ich solle wenigstens ein bisschen mit sauber machen, wenn ich schon bleiben wolle. Das tat ich, ohne zu murren – es war das erste Mal seit langem, dass mir jemand eine so nüchterne, fast familiäre Anweisung gab, ohne Drohung dahinter. Es vergingen Tage, Wochen.

Ich freundete mich mit anderen Jungen und Mädchen an, und ich erfuhr, was für ein Lokal das war: ein Ort, an dem Frauen sich Jungen und Mädchen für käufliche Liebe aussuchten. Irgendwann rutschte auch ich mit hinein und verdiente damit meinen Lebensunterhalt. Ich war zwölf, hatte keine Perspektive und im Grunde kein Zuhause – obwohl die Reeperbahn genau das für mich wurde: mein Zuhause, meine Familie. Ich brauchte außerdem Geld, um zu leben, und in dieser Umgebung gab es keine andere Möglichkeit, an dieses Geld zu kommen.

Die Frauen kamen aus allen Gesellschaftsschichten – Verkäuferinnen ebenso wie Rechtsanwältinnen, Professorinnen, Ärztinnen. Vom Alter her waren sie meist ab 25 aufwärts, mit einer breiten Spanne nach oben. Das ging so einige Jahre, bis ich sechzehn wurde – gute vier Jahre. Gezwungen wurde ich in dieser Zeit nie. Es war schlicht mein Lebensunterhalt, und andere Perspektiven blieben mir Mitte der Neunzigerjahre nicht – ein Gang zum Jugendamt hätte mich nur zurückgebracht, genau dorthin, vor dem ich geflohen war.

Im Rückblick war dieser Übergang – vom verängstigten Jungen am Bahnhof hin zu jemandem, der auf dem Kiez funktionierte – fließend und schnell. Zu schnell, würde man aus heutiger Perspektive sagen. Aber in dem Moment gab es für mich kein Davor und Danach, nur ein stetiges Weiter, ein SichEinrichten in dem, was gerade da war.

Zwischenspiel II

Menschenkenntnis

Eine Fähigkeit, die mir aus dieser Zeit geblieben ist, ist eine sehr genaue, fast unbewusste Menschenkenntnis. Ich kann innerhalb weniger Minuten einschätzen, ob jemand ehrlich ist, ob jemand etwas verbirgt, ob eine Situation kippen könnte. Das klingt nach einer Gabe, und in gewisser Weise ist es das auch. Aber sie hat einen Preis gekostet, den niemand freiwillig zahlen würde. Kinder sollten nicht lernen müssen, Erwachsene binnen Sekunden zu durchschauen, um sicher zu sein.

Trotzdem: Ich nutze diese Fähigkeit heute im Positiven – in der Beratung, die ich gebe, im Umgang mit Menschen, die selbst schwierige Wege gegangen sind. Was einmal reines Überleben war, ist mit den Jahren zu einem Werkzeug geworden, mit dem ich anderen helfen kann. Ich sage oft: Man kann sich nicht aussuchen, welche Fähigkeiten einem das Leben mitgibt. Man kann sich nur aussuchen, was man später damit macht. TEIL Zwei Ursprung und Prägung „Sei immer du selbst.

Respektiere dich selbst. Sei dir selbst treu."

Kapitel 3

Vier Jahre auf dem Kiez

Wirtschaftlich habe ich in dieser Zeit nicht schlecht gelebt. Verändert hat es mich trotzdem enorm. Meine Sexualität ist bis heute anders, als es viele Menschen als normal bezeichnen würden – vielseitiger, freier von den Kategorien, in denen andere aufgewachsen sind. Das hat sicher auch mit dem Kiez zu tun. Ich habe mir dort viel Menschenkenntnis angeeignet, wie ich im vorherigen Kapitel schon angedeutet habe. Sobald ich sechzehn war, konnte ich es mit den Frauen sein lassen, da sich die Gesetzeslage zu meinen Gunsten änderte und ich offiziell arbeiten durfte.

Ich war körperlich trainiert, hatte viel Kampfsport gemacht und war auf dem Kiez recht angesehen. So kam ich in den Türsteherbereich – mit sechzehn, was aus heutiger Sicht kaum vorstellbar klingt, damals aber auf dem Kiez keine Seltenheit war. Zeitgleich passten ich und eine kleine Gruppe Gleichaltriger, meine „Crew", auf jüngere Mädchen auf, die den älteren Herrschaften auf dem Kiez nicht trauten. Wir merkten uns Kennzeichen, warteten vor Stundenhotels, bis die Mädchen wieder herauskamen – das Anschaffen in diesem Alter, zwischen zwölf und fünfzehn, war nicht zu unterschätzen.

Dafür bekamen wir etwas Geld, aber vor allem war es ein ungeschriebenes Gesetz unter uns: Man ließ niemanden allein. Diese Solidarität unter Straßenkindern ist etwas, das ich bis heute für unterschätzt halte. Von außen betrachtet sieht man Chaos, Elend, Ausbeutung. Von innen betrachtet gab es feste Regeln, gegenseitige Verantwortung, eine Ordnung, die niemand von oben verordnet hatte, sondern die wir uns selbst gegeben hatten, weil wir sonst niemanden hatten, der sie uns gegeben hätte.

Gleichzeitig öffneten sich andere Türen: Ich stand tagsüber bis zur Sperrstunde an der Tür bestimmter Locations und legte ab und zu Musik auf. So kam ich zum DJ-Dasein. Ein Jahr lang legte ich einmal die Woche auf, ab siebzehn zwei- bis dreimal – dazu der Türdienst. Das war gutes Geld, und ich konnte mir langsam eigene, etwas bessere Unterkünfte leisten, weg von den wechselnden Nächten unter fremden Dächern. Ab achtzehn ging es für mich richtig los: Türsteher- und DJKarriere zugleich, bis zu viermal die Woche.

Das machte ich bis zur Jahrtausendwende. Im Jahr 2000 verließ ich den Kiez endgültig. Ich hatte genug Geld für den Absprung, und für mich stand fest: dieses Leben nicht auf Dauer. Ich bin bis heute froh, dass ich in all den Jahren keinen Alkoholismus entwickelt und nie etwas mit Drogen zu tun gehabt habe. Darauf bin ich stolz – ebenso darauf, dass ich den Absprung aus eigener Kraft geschafft habe, ohne dass mich jemand von außen dazu bewegen musste.

Wenn ich heute über diese vier Jahre nachdenke, sehe ich sie nicht als eine einzige, gleichförmige Zeit, sondern als eine Abfolge kleiner Entwicklungsschritte: vom Anschaffen zum Aufpassen, vom Aufpassen zum Türstehen, vom Türstehen zum Auflegen. Jeder dieser Schritte war ein kleines Stück mehr Kontrolle über mein eigenes Leben – auch wenn das von außen betrachtet nicht immer so ausgesehen haben mag.

Kapitel 4

Was diese Jahre mit mir gemacht haben

Vielleicht denkst du: Aber das ist doch nicht normal. Natürlich ist es das nicht. Nur: Was ist im Rotlichtmilieu, auf dem Kiez, überhaupt „normal"? Als Tourist sieht man vieles nicht – wie in jedem anderen Bereich auch. Man geht durch eine Straße und sieht die Fassade, nicht das, was dahinter passiert. Ich musste einfach von irgendetwas leben, und ich habe es nicht ungern gemacht. Verändert hat es mich trotzdem sehr: Ich bin heute ein sehr toleranter, tabuarmer und in meinem privaten Umfeld extrem loyaler Mensch.

Eine klassische Beziehung führe ich nicht – dafür bin ich einfach zu anders aufgewachsen, und ich habe aufgehört, mich dafür zu rechtfertigen. Ich habe mir sehr viel Menschenkenntnis und, im Rückblick, auch viel psychologisches Verständnis angeeignet. Manche Vorhersagen, die ich über Menschen treffe, halten andere für Blödsinn – und sie treffen doch ein. Das hat nichts mit Hokuspokus zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand, der bei mir einfach anders kalibriert ist, weil er an anderen Situationen geschult wurde als der Menschenverstand der meisten Menschen um mich herum.

Jemand hat einmal zu mir gesagt: „Dein Leben ist wie ein Schachspiel." Ich habe ihm nicht widersprochen. Ich denke bei allem, was ich tue und was mein Gegenüber tut, mehrere Züge im Voraus – eine Gewohnheit, die sich aus dem täglichen Überleben auf der Straße entwickelt hat und die ich nie wieder abgelegt habe, weil sie sich einfach bewährt hat. Für mich war die Straßenzeit unheimlich prägend – so kurios es klingt, sie wurde zu meiner Familie, die ich nie gehabt hatte.

Wenn ich mit den Frauen zusammen war, holte ich mir dort auch die Geborgenheit und Zuneigung, die mir sonst gefehlt hätten. Das mag befremdlich klingen, ist für mich aber die ehrlichste Beschreibung dessen, was in mir vorging. Hat mich das kaputt gemacht? Das kann ich nicht sagen. Ich weiß, dass ich, was Sexualität betrifft, fernab dessen bin, was viele als normal bezeichnen würden. Und geprägt hat es mich vor allem in Sachen Bindung: Ich hatte über lange Zeit ausgesprochene Bindungsangst.

Beziehungen habe ich häufig nach wenigen Monaten beendet, unabhängig davon, wie sehr ich die Person mochte oder nicht mochte. Ich habe mir mein Leben von der Straße aus selbst aufgebaut. Vielleicht setze ich deshalb eine Beziehung eher vor die Tür, statt langfristig daran zu arbeiten. Das ist die Kehrseite. Kaputt gemacht hat mich diese Zeit trotzdem nicht – sie hat mich gestärkt, auch in meinem Selbstbewusstsein. Über sechs Jahre war ich auf der Straße.

Vielleicht fünf Prozent davon hätte ich nicht gebraucht – die übrigen 95 Prozent haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich habe außerdem gelernt, dass Reue ein Gefühl ist, das man sich sehr genau einteilen sollte. Es gibt Dinge in meinem Leben, die ich anders gemacht hätte, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Aber ich hatte diese Wahl oft nicht, und für Entscheidungen, die einem das Leben aufzwingt, kann man sich schlecht im Nachhinein verurteilen.

Sei immer du selbst. Respektiere dich selbst. Sei dir selbst treu. Sei stolz auf das, was du dir in deinem Leben allein aufgebaut hast – für den einen mag es nichts sein, für dich kann es alles sein.

Zwischenspiel III

Der Tanz als Zuflucht

Musik und Bewegung sind bis heute die beiden Konstanten meines Lebens geblieben. Wenn ich zurückblicke, war das Tanzen mit fünf, sechs Jahren der erste Ort, an dem ich gelernt habe, dass mein Körper mir auch gehören kann – nicht nur etwas ist, das anderen zur Verfügung steht. Diese Erfahrung hat mich mein Leben lang begleitet. Auf dem Kiez war es die Musik, die mich zum Auflegen brachte. Bis heute ist Musik für mich der Ort, an dem ich Dinge ausdrücken kann, für die ich sonst keine Worte finde.

Ich glaube, jeder Mensch braucht einen Ort, einen Ausdruck, eine Tätigkeit, bei der er ganz bei sich sein kann, unabhängig davon, was um ihn herum passiert. Für mich war und ist das die Musik. Für andere ist es vielleicht das Schreiben, der Sport, die Kunst. Wichtig ist nur, dass man ihn findet – und ihn sich nicht nehmen lässt.

Zwischenspiel IV

Brief an mein elfjähriges Ich

Wenn ich dir schreiben könnte, dorthin, an den Waldrand bei Lohmar, in jener kalten Dezembernacht 1990, würde ich dir nicht sagen, dass alles gut wird. Das wäre gelogen, und du hättest es sowieso nicht geglaubt – dafür kanntest du die Welt schon zu gut. Ich würde dir sagen: Dein Instinkt, jetzt zu gehen, ist richtig. Du wirst Dinge erleben, die kein Kind erleben sollte. Aber du wirst auch Menschen treffen, die es gut mit dir meinen, mitten in einer Welt, in der man das nicht erwarten würde.

Vertrau deinem Bauchgefühl – es hat dich bisher nicht im Stich gelassen, und es wird das auch in Zukunft nicht tun. Ich würde dir sagen: Die Musik, die du in deinem Walkman trägst, wird dir bleiben. Halte an ihr fest. Und das Tanzen, das du schon jetzt liebst – vergiss es nie, auch wenn es Jahre geben wird, in denen kein Platz dafür zu sein scheint. Ich würde dir auch sagen: Du wirst hart werden müssen, um zu überleben.

Das ist in Ordnung. Aber irgendwann, mit viel Zeit und noch mehr Geduld mit dir selbst, wirst du lernen, diese Härte dort abzulegen, wo sie nicht mehr gebraucht wird – im Vertrauen zu Menschen, die es verdient haben. Und zuletzt würde ich dir sagen: Du wirst 45 Jahre alt werden und auf all das zurückblicken können, ohne daran zu zerbrechen. Mehr noch – du wirst daraus einen Beruf machen, anderen zu helfen, die einen ähnlichen Weg gehen.

Das, mein elfjähriges Ich, ist mehr, als du dir in dieser Nacht am Waldrand hättest vorstellen können.

Kapitel 5

Die ersten elf Jahre

Ich bin im April 1979 geboren, im Monat mit dem wohl wechselhaftesten Wetter des Jahres. Zu diesem Zeitpunkt begann das Leben von Margot und Siegfried – meinen leiblichen Eltern – aus dem Ruder zu laufen. Sie bekamen Zwillinge: mich und meinen Zwillingsbruder, aus einem Ei. Ein Geschwisterteil – ich – ist intersexuell, was in den folgenden Jahren, wie sich zeigen sollte, keine Rolle für den Schutz spielte, den ein Kind eigentlich verdient hätte.

Von April 1979 bis Februar 1981 kam es, so belegen es die – wenn auch unvollständigen und teils nachweislich manipulierten – Akten des zuständigen Jugendamtes, zu sexuellen Übergriffen an mir und, soweit bekannt, teilweise auch an meinem Zwillingsbruder. Das Zuhause meiner Eltern war geprägt von Drogen- und starkem Alkoholkonsum. Obwohl das Jugendamt zeitweise im Haus war, weil die Familie unter Aufsicht stand, änderte das nichts.

Auch mehrfache Meldungen des Kinderarztes an das Jugendamt blieben ohne Konsequenz – ein Umstand, den ich bis heute nicht ohne Zorn betrachten kann, wenn ich die Akten lese. Im Februar 1981 wurden mein Bruder und ich der elterlichen Obhut entzogen. Mein Zwillingsbruder kam in eine Pflegefamilie, ich in ein Heim. Ob das besser war, bezweifle ich. Zwei Kinder, ein Ei, eine gemeinsame Herkunft – und zwei völlig unterschiedliche Wege, die das System für uns vorgesehen hat, ohne dass wir beide dazu befragt worden wären.

Ab meinem vierten, fünften Lebensjahr bis zu meiner Flucht mit elf Jahren wurden an mir wiederholt erzwungene sexuelle Handlungen verübt – durch den Sohn meiner Erzieherin und deren Lebenspartner. Beide waren wesentlich älter als ich. Ich beschreibe das hier bewusst zurückhaltend; die Fakten sind für das Verständnis meiner weiteren Geschichte notwendig, die Details sind es nicht. Mit fünf, sechs Jahren entdeckte ich das Tanzen für mich – und damit einen Ort, an dem ich dem entfliehen konnte, was mir fast täglich widerfuhr.

Beim Tanzen konnte ich die Musik durch meinen Körper laufen lassen, konnte für ein paar Minuten in einer Welt sein, in der niemand mir etwas antat. Ich tanzte erfolgreich Showdance, nahm an Turnieren teil und gewann einige davon. Es war das erste Mal, dass ich für etwas Anerkennung bekam, das ich selbst konnte, nicht für etwas, das mir angetan wurde. Schulisch war ich unauffällig, in meinem Verhalten aber sehr zurückgezogen – bis auf ein, zwei Schulfreundinnen blieb ich für mich.

Das Lehrpersonal bemerkte es, ohne dass es zu weiteren Konsequenzen führte; man führte Gespräche, man vermutete, es läge an meinen Wohnverhältnissen, und beließ es dabei. Für mich war das damals eine Art Alltag. Ich freute mich drei-, viermal die Woche auf mein Tanztraining. Es war der feste Punkt in einer Woche, die ansonsten von Dingen bestimmt wurde, über die ich keine Kontrolle hatte. So sah mein Leben aus, bis zu jenem Dezembertag 1990, an dem ein neues Kapitel begann – eines, das, so paradox es klingt, für mich trotz aller Härte auch eine Befreiung war.

TEIL Drei Der Wandel „Man muss nicht unten bleiben."

Kapitel 6

Weihnachten auf der Straße

Ich war am 6. Dezember 1990 geflohen, und wenig später stand Weihnachten vor der Tür – auch für mich. Es war bewegend, wie die Menschen auf dem Kiez miteinander umgingen, gerade zu dieser Jahreszeit, in der man erwarten würde, dass die Härte der Straße noch spürbarer wird. Der Kiez war für mich, wie schon erwähnt, meine Familie geworden. Weihnachten dort war natürlich nicht das klassische Fest, wie man es aus behüteten Verhältnissen kennt – aber auch unter Straßenkids wurde gefeiert, nur eben anders.

Es gab kaum Anlaufstellen für Kinder, die damals auf der Straße lebten – anders als heute, wo es zumindest einzelne Einrichtungen gibt, auch wenn diese noch immer bei weitem nicht ausreichen. Bis heute erinnere ich mich jedes Jahr an diese Zeit, wenn die ersten Lichterketten in den Schaufenstern auftauchen. Wir verbrachten den Heiligabend gemeinsam mit anderen Straßenkids, sprachen über das Leben, das wir vor der Straße gehabt hatten, und versuchten, uns gegenseitig etwas Normalität und Halt zu geben.

In einem leerstehenden Gebäude organisierten wir uns ein paar Zweige aus der Nachbarschaft und etwas Schmuck, hatten einen kleinen Gaskocher, machten es uns warm und unterhielten uns einfach. Das Schönste war: Wir waren nicht allein. Wir wussten, dass wir keine Familie hatten, mit der wir im klassischen Sinn feiern konnten – trotzdem waren wir fröhlich, haben gelacht und getanzt. Wir waren zwischen zehn und fünfzehn Jahre alt, hatten Suppe vom Gaskocher, Kuchen, Donuts, Neujahrsgebäck und Kerzen, weil es im Haus keinen Strom gab.

Der Geruch von Wachs und Suppe, gemischt mit der klammen Kälte eines unbeheizten Hauses, ist etwas, das sich mir eingeprägt hat wie kaum ein anderer Geruch aus dieser Zeit. Es war eine ehrliche, ungekünstelte Art, Weihnachten zu verbringen – daran erinnere ich mich, mittlerweile 45, immer noch gern zurück. Es gab keine Erwartungen, die man erfüllen musste, keine Geschenke, die man sich nicht leisten konnte und deren Fehlen man rechtfertigen musste.

Nur Menschen, die füreinander da waren, weil sie sonst niemanden hatten.

Zwischenspiel V

Ehrliches Miteinander

Was mich aus der Straßenzeit bis heute am meisten begleitet, ist ein bestimmtes Verständnis von Ehrlichkeit. Auf dem Kiez konnte man es sich schlicht nicht leisten, jemandem etwas vorzuspielen, das nicht der Wahrheit entsprach – zu hoch war das Risiko, dass es einem irgendwann auf die Füße fiel. Im normalen Berufsleben, in dem ich mich seit der Jahrtausendwende bewege, erlebe ich das oft anders. Höflichkeit wird mit Ehrlichkeit verwechselt, Nähe wird vorgetäuscht, wo keine ist.

Das fällt mir bis heute auf, und es fällt mir schwer, mich daran zu gewöhnen. Ich habe deshalb für mich entschieden, in meinem eigenen Umfeld sehr genau darauf zu achten, mit wem ich meine Zeit verbringe. Lieber wenige Menschen, auf die ich mich zu hundert Prozent verlassen kann, als viele, bei denen ich nie ganz sicher bin, woran ich bin.

Zwischenspiel VI

Über Familie, die man sich sucht

Ich habe in diesem Buch mehrfach geschrieben, dass der Kiez meine Familie wurde. Das ist kein literarisches Bild, sondern meine ehrlichste Beschreibung dessen, was Familie für mich bedeutet: Menschen, die füreinander da sind, wenn sonst niemand da ist. Meinen Zwillingsbruder habe ich, seit wir als Kinder getrennt wurden – er in eine Pflegefamilie, ich ins Heim –, nur in großen Abständen wiedergesehen. Zwei Menschen aus einem Ei, zwei völlig unterschiedliche Kindheiten.

Ich denke oft an ihn, auch wenn unsere Wege sich früh getrennt haben. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, den Begriff Familie weiter zu fassen, als es die meisten Menschen tun. Familie ist für mich nicht in erster Linie Blutsverwandtschaft, sondern eine Frage von Verlässlichkeit, von gegenseitiger Verantwortung, von echtem Interesse aneinander. Das gilt bis heute: Die Menschen, die ich als meine engste Familie bezeichne, sind zu einem großen Teil Menschen, die ich mir im Laufe meines Lebens ausgesucht habe – nicht solche, mit denen ich zufällig verwandt bin.

Das ist, glaube ich, eine der wichtigsten Lektionen, die mir meine ungewöhnliche Kindheit mitgegeben hat.

Kapitel 7

Silvester und der Jahreswechsel

Nach Weihnachten stellte sich die Frage: Wie verbringen wir Silvester? Woher bekommen wir Geld, wo schlafen wir? Wir erfuhren, dass das leerstehende Haus, in dem wir Weihnachten verbracht hatten, noch eine Weile leer stehen würde, und die Nachbarschaft hatte nichts dagegen gehabt. Wir sammelten Geld, indem wir Passanten auf der Reeperbahn und am Hauptbahnhof ansprachen – manche boten andere Dienstleistungen an, auch ich.

So kamen wir gut über Silvester und die folgenden Tage. Wir kauften Feuerwerk, Fleisch, hatten Gaskocher und Pfanne, und kamen recht besinnlich ins neue Jahr. Am ersten Januar, spät aufgestanden, fragten wir uns kaum, was das neue Jahr bringen würde – wir wussten, wo wir standen. Es ging weiter wie zuvor: Man bot seine Dienste an, verdiente seinen Lebensunterhalt, weil einem als jugendliches Straßenkind keine andere Wahl blieb.

Was ich nie gemacht habe, waren Alkoholexzesse oder Drogenkonsum. Das hat mich nie interessiert, bis heute nicht. Für mich sind Alkoholismus und Drogen ein absolutes No-Go, das wollte ich nie in meinem Umfeld haben. Seit ich meine eigene Wohnung hatte, war mein Freundeskreis entsprechend frei davon – ein bewusster Schnitt, den ich nie bereut habe. Wir liefen als Straßenkinder viele Hürden – Polizeikontrollen, das Herausreden – und wurden mit jedem Mal trainierter.

Mit der Zeit entwickelten wir regelrechte Routinen: wer sprach, wer sich unauffällig entfernte, wer im Zweifel welche Geschichte erzählte. Es war, im Rückblick, eine Art improvisiertes Überlebenstraining, das wir uns gegenseitig beibrachten. Rückblickend vermisse ich manchmal das Miteinander von damals: Wer Freund war, war Freund, nicht Feind. Es war ein ehrlicheres Miteinander, als ich es im heutigen Erwachsenenleben oft erlebe, in dem Freundlichkeit und Nähe nicht immer das bedeuten, was sie vorgeben.

Bleib dir selbst immer treu und geh deinen eigenen Weg. Egal, ob deine Kindheit schön war oder nicht – den restlichen Weg deines Lebens gehst du ohne sie, und du bestimmst ihn selbst.

Kapitel 8

Ab sechzehn: Türsteher, DJ und der Absprung

Mit sechzehn war ich mittlerweile über vier Jahre auf der Straße in Hamburg. Bis dahin hatte ich meinen Lebensunterhalt schwerpunktmäßig über Dienstleistungen meines Körpers verdient. Jetzt konnte ich anders leben. Die jungen Mädchen auf dem Kiez wussten, dass ich aufpasste, und wandten sich mit meiner kleinen Crew an mich, wenn sie den älteren Herrschaften nicht trauten. Wir passten auf bestimmte Mädchen auf, wenn sie ihre Dienste anboten – merkten uns Kennzeichen, warteten vor Stundenhotels.

Dafür gab es Geld. Gleichzeitig öffneten sich für mich, weil ich nun arbeiten durfte, andere Türen: Ich stand tagsüber bis zur Sperrstunde an der Tür bestimmter Locations und legte gelegentlich Musik auf. So kam ich zum DJ-Dasein. Erst einmal, dann zwei- bis dreimal die Woche, dazu der Türdienst und das Aufpassen auf die Mädchen – das war gutes Geld, mit dem ich mir langsam eigene, bessere Unterkünfte leisten konnte.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, meine eigene wirtschaftliche Zukunft aktiv zu gestalten, statt nur auf den nächsten Tag zu reagieren. Ab achtzehn ging es richtig los: Türsteher- und DJ-Tätigkeit bis zu viermal die Woche. Ich wurde in der Szene bekannt, bekam Anfragen von verschiedenen Locations, konnte mir aussuchen, wo ich arbeitete. Es war ein gutes Gefühl, nach Jahren der Fremdbestimmung endlich selbst entscheiden zu können.

Das machte ich bis zur Jahrtausendwende. Im Jahr 2000 verließ ich den Kiez. Ich hatte genug Geld für den Absprung angespart, und für mich stand fest, dass ich dieses Leben nicht auf Dauer führen wollte – auch wenn ich die Jahre als Türsteher und DJ nicht missen möchte. Sie waren, bei allem, was ihnen vorausging, auch eine Zeit, in der ich zum ersten Mal etwas wie berufliche Anerkennung erfuhr. Bis heute bin ich froh, dass ich in dieser Zeit nie in Alkoholismus oder Drogen abgerutscht bin und dass ich den Absprung aus eigener Kraft geschafft habe, ohne dass eine Behörde, eine Institution oder eine andere Person mich dazu gedrängt hätte.

Das war meine eigene Entscheidung, zu meiner eigenen Zeit.

Zwischenspiel VII

Intersexualität und Identität

Ich bin intersexuell. Das ist eine Tatsache, die mich mein ganzes Leben begleitet hat, auch wenn sie in den Jahren auf der Straße nicht das drängendste meiner Themen war – dort ging es ums nackte Überleben, nicht um Identitätsfragen im klassischen Sinn. Später, als sich mein Leben stabilisierte, wurde das Thema präsenter. Ich habe für mich einen Satz gefunden, den ich heute öffentlich vertrete: „Ich bin Inter*. Na und!?" Diese Haltung – selbstbewusst, ohne Erklärungsdruck – ist das Ergebnis eines langen Weges, auf dem ich lernen musste, mich selbst nicht für etwas zu rechtfertigen, das ich mir nicht ausgesucht habe und das niemandem schadet.

Ich engagiere mich seit einigen Jahren aktiv im LGBTQ-Bereich, berate Menschen, die mit ähnlichen Fragen ringen, wie ich sie selbst hatte. Es ist mir wichtig, anderen zu zeigen: Man muss sich nicht in eine Schablone pressen lassen, die andere für einen vorgesehen haben – weder als Kind, noch als Erwachsener.

Kapitel 9

Der Neuanfang: Vertrieb, Studium und Familie

Schon mit achtzehn, während ich noch an der Tür stand und auflegte, sprach mich ein Stammgast an: Er sei selbstständig im Versicherungsvermittlerbereich und meinte, ich könnte mit meiner Art, mit Menschen umzugehen, gut dazu passen. Ich schaute es mir an – es handelte sich um eine renommierte Bausparkasse mit Versicherungsanbindung, absolut seriös – und begann mit achtzehn meine ersten Tätigkeiten im Vertrieb der Versicherungs- und Bausparbranche.

Keiner meiner Kundinnen und Kunden wusste zu dieser Zeit von meiner Vergangenheit auf dem Kiez. Das wäre, so viel steht fest, auch schlecht fürs Geschäft gewesen. Aber es hat Spaß gemacht, und ich habe schnell gemerkt, dass mir die Fähigkeiten, die ich mir auf der Straße angeeignet hatte – Menschen einschätzen, überzeugen, verhandeln – auch hier von Nutzen waren. Dieser Job wurde für mich der Grundstein für mein weiteres Vertriebswesen und half mir, den Absprung finanziell zu begleiten, als ich zur Jahrtausendwende den Kiez endgültig verließ.

Es war ein schleichender, aber konsequenter Übergang von einem Leben in das andere. Mitte der 2000er-Jahre wandte ich mich an die Diakonie und begann, ehrenamtlich Straßenkinder zu betreuen. Es war mir ein Bedürfnis, etwas von dem zurückzugeben, was mir selbst gefehlt hatte – jemanden, der zuhört, ohne zu urteilen, jemanden, der die Straße von innen kennt und trotzdem einen Weg heraus gefunden hat. Ein Jahr später riet mir eine Mitarbeiterin, ein Fernstudium in psychologischer Beratung zu machen, um qualifizierter mit den Straßenkids arbeiten zu können.

Ich wurde dabei wirtschaftlich unterstützt und studierte berufsbegleitend – unter anderem zu den Themen behinderte Kinder, Missbrauchsopfer und LGBTQ-Jugendliche. Diese Zeit prägt mich bis heute: Ich gebe noch immer psychologische Beratung, unter anderem in Trauerbewältigung, Sexualberatung, Paartherapie und im LGBTQ-Bereich. Weil ich selbst so viele Facetten kennengelernt hatte, konnte ich mit Kindern und Jugendlichen besonders gut arbeiten – sie wussten, dass ich selbst auf der Straße gelebt hatte, und dass ich sie deshalb verstand, ohne dass ich es ihnen groß erklären musste.

Im Frühjahr 2001 lernte ich eine junge Frau kennen, die bereits ein Kind hatte. Wir gingen eine intensive Partnerschaft ein; sie kannte meine Vergangenheit. Wegen Schwierigkeiten mit ihrem Ex-Partner und Druck seitens der Behörden – entweder das Kind zöge ins Ausland, oder wir würden heiraten – heirateten wir recht zügig. Eine Scheinehe war das nicht, denn wir waren ohnehin zusammen, unabhängig von dem Druck, der von außen kam.

Im Sommer 2001 wurde ich, durch eine bei mir vorliegende Wehrpflicht, eingezogen. Die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 bis 2003 gehört zu den Kapiteln meines Lebens, die ich hier bewusst nicht weiter ausführe – nicht jede Station eines Lebens muss öffentlich erzählt werden, und manche Grenzen setze ich bewusst.

Kapitel 10

My Life heute

Es ist viel Bewegendes in meiner Kindheit gewesen, wie du in diesem Buch mitbekommen hast. Ich habe lange überlegt, ob ich mein Leben auf diese Weise erzählen soll, weil manche Bereiche für viele Menschen kaum vorstellbar sind. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich der Meinung bin, dass man damit anderen Menschen Mut machen kann. Das hat sich bestätigt: Ich habe viel Rückmeldung bekommen von Menschen, die durch meine Geschichte gemerkt haben, dass sie mit bestimmten Erfahrungen nicht allein sind – und dass man, selbst wenn man als Kind auf der Straße gelebt hat, wieder aufstehen und lernen kann, das Leben neu zu leben.

Man muss nicht unten bleiben. Heute, mit 45 Jahren, stehe ich an einem Punkt, an dem ich sagen kann: Ich bin zufrieden mit dem Menschen, der ich geworden bin. Nicht, weil alles einfach war – im Gegenteil –, sondern weil ich gelernt habe, aus dem, was mir widerfahren ist, etwas zu machen, das trägt: eine berufliche Tätigkeit, in der ich anderen helfen kann, eine Musik, in der ich mich ausdrücken kann, und eine Haltung zum Leben, die mir erlaubt, ehrlich zu bleiben – zu mir selbst und zu anderen.

Ich bedanke mich bei dir fürs Lesen von My Life und für dein Interesse. Ich wünsche dir auf deinem eigenen Weg alles Gute – und die Gewissheit, dass es, egal wie schwer der Anfang war, immer einen Weg nach vorn gibt. Zeittafel April 1979: Geburt in Deutschland, gemeinsam mit dem Zwillingsbruder. 1979 – Februar 1981: Sexuelle Übergriffe im Elternhaus, dokumentiert durch Jugendamt und Kinderarzt. Februar 1981: Inobhutnahme; Bo kommt in ein Heim, der Zwillingsbruder in eine Pflegefamilie. ca. 1984/85: Beginn des Tanzens (Showdance), erste Turniere. 1985 – 1990: Wiederholte erzwungene sexuelle Handlungen im Heim. 6.

Dezember 1990: Flucht aus dem Heim, Ankunft in Hamburg auf dem Kiez. 1990 – 1994: Leben und Arbeiten im Rotlichtmilieu auf dem Kiez. ab 1995 (16 Jahre): Wechsel zu Türsteher- und DJ-Tätigkeiten. 2000: Endgültiger Ausstieg vom Kiez. ca. 1997: Erste Tätigkeiten im Versicherungs- und Bausparvertrieb. Mitte der 2000er: Ehrenamtliche Arbeit mit Straßenkindern bei der Diakonie; Fernstudium in psychologischer Beratung. Frühjahr 2001: Kennenlernen der ersten Ehefrau; Heirat im selben Jahr.

Sommer 2001: Einberufung zum Wehrdienst. 1. November 2024: Start der Podcast-Reihe „My Life". Über den Autor Bo Maex Schneider, geboren 1979, ist Podcaster und Autor. Er lebt und arbeitet in Deutschland, engagiert sich im LGBTQ-Bereich und gibt psychologische Beratung in verschiedenen Themenfeldern, unter anderem Trauerbewältigung, Sexualberatung und Paartherapie. My Life ist sein erstes autobiografisches Buch, entstanden aus der gleichnamigen Podcast-Reihe.

Weitere Projekte, Podcasts und Musik von Bo Maex Schneider finden sich unter www.bomaex.de. Danksagung Danke an alle, die mir auf meinem Weg – auf der Straße, im Beruf und im Privaten – mit Vertrauen begegnet sind, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Danke an alle Hörerinnen und Hörer des Podcasts My Life, deren Rückmeldungen mir gezeigt haben, dass es sich gelohnt hat, diese Geschichte zu erzählen. Und danke an dich, dass du dieses Buch bis zum Ende gelesen hast.

Fragen zum Nachdenken 1. Gab es in deinem eigenen Leben einen Moment, an dem du wusstest: Ab hier ist nichts mehr, wie es vorher war? 2. Wie hat sich dein Verständnis von „Familie" im Laufe deines Lebens verändert? 3. Welche Fähigkeit hast du dir in einer schwierigen Zeit angeeignet, die dir heute noch nützt? 4. Was würdest du deinem jüngeren Ich schreiben, wenn du könntest? 5. Wo in deinem Leben hast du gelernt, anders zu vertrauen, statt gar nicht mehr zu vertrauen?

Impressum Bo Maex Schneider Web: www.bo-maex.de E-Mail: bomaex@gmx.de © Bo Maex Schneider — Alle Rechte vorbehalten.

Kapitel 11

Meine Geschichte erzählen

Irgendwann kam der Punkt, an dem ich meine Geschichte nicht mehr nur mit mir selbst ausmachen wollte. Im November 2024 begann mein Podcast „My Life von BoMaex Schneider“. Die Idee dahinter war persönlich: Meine Lebensgeschichte sollte eine Stimme bekommen.

Beim Erzählen merkt man, dass eine Geschichte anders klingt, wenn man sie laut ausspricht. Manche Erinnerungen werden klarer. Andere Fragen tauchen erst auf. Und manchmal merkt man, dass eine Lücke eine Lücke bleiben muss.

Zu meiner Geschichte gehört auch, dass ich intersexuell bin. Ich möchte diesen Teil meiner Identität nicht verstecken. Gleichzeitig möchte ich nicht, dass Menschen mich auf dieses eine Wort reduzieren. Ich bin mehr.

Ich bin Mensch. Ich bin Musiker. Ich bin Songwriter. Ich bin jemand, der gearbeitet, gelernt, geholfen, geliebt, gestritten, verloren und weitergemacht hat. Meine Geschichte gehört mir.

Kapitel 12

Einfach ich

„Einfach ich“ klingt wie ein sehr kurzer Satz. Für mich steckt darin jedoch viel. Ich bin intersexuell. Das gehört zu meiner Lebensgeschichte. Es ist ein Teil meiner Identität, aber nicht die Summe meiner Identität.

Menschen werden häufig über einzelne Merkmale definiert. Aber ein Mensch besteht aus mehr. Ich bestehe aus meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart. Aus Erinnerungen und Erfahrungen. Aus Musik und Gedanken. Aus dem, was ich gelernt habe, und aus dem, was ich noch lernen werde.

Meine Antwort ist nicht kompliziert. Ich bin Bo Maex Schneider. Ich bin nicht nur das Kind, das schwierige Jahre erlebt hat. Ich bin nicht nur der Mensch, der auf der Straße gelebt hat. Ich bin nicht nur Türsteher, DJ, Helfer oder Musiker. Ich bin alles zusammen. Und noch mehr.

„Einfach ich“ bedeutet deshalb für mich, mich nicht mehr für meine Existenz rechtfertigen zu müssen. Ich darf widersprüchlich sein. Ich darf mich verändern. Ich darf stark sein und trotzdem verletzlich. Ich darf einfach ich sein.

Kapitel 13

Musik als Teil meines Lebens

Musik begleitet mich seit dem Ende meiner Jugend. Über meine DJ-Zeit wurde sie zu einem praktischen Teil meines Alltags. Später entwickelte sich daraus der Wunsch, eigene musikalische Ideen umzusetzen.

Heute entstehen Songtexte bei mir häufig spontan. Manchmal kommt eine Idee wie eine Eingebung. Andere Texte brauchen deutlich länger. Zwei oder drei Wochen können vergehen, bis ein Song für mich wirklich fertig ist.

Technisch arbeite ich mit professionellen Produktionsprogrammen wie FL Studio All Plugins Edition, Ableton Live 12 Suite, Avid Pro Tools Ultimate und PreSonus Studio One. Dazu kommen Instrumente und Aufnahmetechnik wie ein Yamaha-E-Drum, Lewitt-PURE-TUBE-Mikrofone und Meinl-Marathon-Congas.

Auch KI kann dabei als Werkzeug zum Einsatz kommen. Für mich ersetzt Technik aber nicht die Idee. Die Idee muss zuerst da sein. Aus einem Gedanken wird ein Text. Aus einem Text entsteht Musik. Und aus Musik entsteht manchmal ein Stück Geschichte.

„Bo Maex Sounds“ verbindet diese verschiedenen Seiten meines Lebens. Country, Rock, Dance, elektronische Musik, Rave und andere Einflüsse können nebeneinander existieren.

Kapitel 14

Aus Erlebtem werden Songs

Es gibt Erfahrungen, die man schwer in einem normalen Gespräch erklären kann. Musik kann dafür eine andere Sprache sein. Ein Gedanke kann zu einer Textzeile werden. Eine Stimmung kann zu einer Melodie werden. Eine Erinnerung kann die Grundlage für einen Refrain bilden.

Nicht jeder Song erzählt ein konkretes Ereignis. Manche Songs tragen nur ein Gefühl. Manche enthalten Erfahrungen aus dem Alltag. Andere entstehen aus Gedanken, die schon lange im Kopf waren.

Das Spannende ist, dass ein Song beim Zuhörer etwas anderes auslösen kann als beim Songwriter. Für mich ist ein Lied vielleicht mit einer bestimmten Erinnerung verbunden. Für jemand anderen wird derselbe Song zu einem Begleiter in einer völlig anderen Situation.

Meine Vergangenheit wird nicht einfach wiederholt. Sie kann in etwas Neues verwandelt werden. Aus Erlebtem wird Musik. Aus Musik wird Verbindung.

Kapitel 15

Bo Maex Sounds

Aus meiner langen Verbindung zur Musik entstand „Bo Maex Sounds“. Der Name steht für meine musikalische Arbeit, aber auch für eine Haltung: Musik soll aus Leidenschaft und Gefühl entstehen.

Ich möchte mich nicht auf eine einzige Stilrichtung festlegen. Ein Song kann moderne Country-Elemente tragen. Ein anderer kann rockiger sein. Ein weiterer kann elektronisch, tanzbar oder rave-orientiert werden. Diese Freiheit ist mir wichtig.

Auch künstliche Intelligenz gehört für mich inzwischen zur technischen Welt. Ich sehe KI als Werkzeug. Sie kann bei bestimmten Produktionsschritten helfen, Elemente zusammenführen oder Ideen ergänzen. Die kreative Richtung entsteht aber aus dem, was ich ausdrücken möchte.

„Bo Maex Sounds“ ist deshalb nicht nur ein Projektname. Es ist die Verbindung zwischen meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart. Heute schreibe und produziere ich eigene Songs. Der Weg ist weitergegangen. Und er ist noch lange nicht vorbei.

Kapitel 16

Vom Leben zum Podcast

Der Podcast „My Life von BoMaex Schneider“ begann im November 2024. Für mich war das ein Schritt, den ich nicht einfach als weiteres Medienprojekt betrachten möchte. Es ging um meine Geschichte.

Ein Podcast hat etwas Unmittelbares. Man hört eine Stimme. Man hört Pausen, Betonungen und die Art, wie jemand über sein Leben spricht. Das machte „My Life“ zu einer besonderen Form des Erzählens.

Die ursprüngliche MyLife-Reihe endete im Februar 2025. Das Ende des Podcasts bedeutete für mich aber nicht das Ende meiner Geschichte. Durch das Erzählen wurde mir noch deutlicher, dass eine Lebensgeschichte niemals nur aus der Vergangenheit besteht. Jeder neue Tag fügt eine weitere Seite hinzu.

Dieses Buch ist gewissermaßen die nächste Form von „My Life“. Der Podcast war Stimme. Dieses Buch ist Papier beziehungsweise digitale Schrift. Beides hat denselben Kern: Ich möchte meine Geschichte selbst erzählen.

Kapitel 17

Bo Maex heute

Heute blicke ich auf viele unterschiedliche Lebensabschnitte zurück. Ich war Straßenkind. Ich habe in Hamburg im Nachtleben gearbeitet. Ich war Türsteher. Ich war DJ. Ich habe im Bereich Versicherung und Bausparen gearbeitet. Ich habe mich sozial engagiert und Menschen begleitet. Ich habe mich mit psychologischer Beratung beschäftigt.

Heute ist Musik ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit und meines Ausdrucks. Wenn man diese Punkte einzeln betrachtet, wirken sie vielleicht wie sehr unterschiedliche Leben. Für mich gehören sie zusammen. Jeder Abschnitt hat mir etwas beigebracht.

Das Leben auf der Straße hat mich früh selbstständig gemacht. Das Nachtleben hat mich gelehrt, Menschen und Situationen einzuschätzen. Der Vertrieb hat mir Kommunikation und Verantwortung gezeigt. Die Arbeit mit Menschen hat meinen Blick für andere Lebensgeschichten geschärft. Die Musik gibt mir heute eine Möglichkeit, Gedanken und Erfahrungen auszudrücken.

Ich sehe mein Leben nicht mehr nur als Rückblick. Ich sehe es als etwas, das weiter entsteht.

Kapitel 18

Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende

Wenn ich mein Leben als Ganzes betrachte, sehe ich keinen geraden Weg. Ich sehe Kurven. Ich sehe Brüche. Ich sehe Übergänge. Ich sehe Zeiten, in denen ich kämpfen musste, und Zeiten, in denen ich etwas aufbauen konnte.

Ich habe gelernt, dass ein Mensch nicht nur durch seine Vergangenheit bestimmt wird. Die Vergangenheit ist ein Teil der Geschichte. Sie ist aber nicht das letzte Kapitel.

Auch wenn ein Mensch schwierige Dinge erlebt hat, darf er später neue Seiten schreiben. Manchmal dauert es lange. Manchmal gibt es Rückschritte. Manchmal fehlen Antworten. Aber solange man weitergeht, ist die Geschichte nicht beendet.

„MY LIFE“ ist deshalb kein Schlussstrich. Es ist ein Zwischenstand. Die Zukunft muss nicht schon geschrieben sein. Ich darf sie selbst mitgestalten. Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Epilog

Einfach ich

Am Ende dieses Buches bleibt für mich kein einzelnes Ereignis stehen. Es bleibt ein Gefühl. Ich habe viel erlebt. Nicht alles war einfach. Nicht alles ist vollständig dokumentiert. Nicht jede Frage meiner Vergangenheit hat heute eine Antwort.

Aber ich bin noch hier. Ich habe gelernt. Ich habe gearbeitet. Ich habe Menschen begleitet. Ich habe Musik gemacht. Ich habe meine eigene Stimme gefunden.

Ich bin Bo Maex Schneider. Ich bin mein Leben, meine Erfahrungen, meine Entscheidungen, meine Musik und meine Zukunft. Ich bin nicht nur das, was mir passiert ist. Ich bin auch das, was ich daraus mache.

Vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung von „MY LIFE“: den Mut zu finden, die eigene Geschichte selbst zu erzählen.

Ich. Einfach ich. Und morgen beginnt die nächste Seite.

Schlusswort

Die Geschichte geht weiter

Dieses Buch endet auf der letzten Seite – aber die Lebensgeschichte, die darin erzählt wird, geht weiter. Neue Erfahrungen, neue Musik und neue Kapitel werden hinzukommen.

↑ Gesamtes Inhaltsverzeichnis Vorwort Prolog
Teil Eins
Kapitel 1 · Die Flucht Zw. I · Was Vertrauen bedeutet Kapitel 2 · Die Reeperbahn wird mein Zuhause Zw. II · Menschenkenntnis
Teil Zwei
Kapitel 3 · Vier Jahre auf dem Kiez Kapitel 4 · Was diese Jahre mit mir gemacht haben Zw. III · Der Tanz als Zuflucht Zw. IV · Brief an mein elfjähriges Ich Kapitel 5 · Die ersten elf Jahre
Teil Drei
Kapitel 6 · Weihnachten auf der Straße Zw. V · Ehrliches Miteinander Zw. VI · Über Familie, die man sich sucht Kapitel 7 · Silvester und der Jahreswechsel Kapitel 8 · Ab sechzehn: Türsteher, DJ und der Absprung Zw. VII · Intersexualität und Identität Kapitel 9 · Der Neuanfang: Vertrieb, Studium und Familie Kapitel 10 · My Life heute Kapitel 11 · Meine Geschichte erzählen Kapitel 12 · Einfach ich Kapitel 13 · Musik als Teil meines Lebens Kapitel 14 · Aus Erlebtem werden Songs Kapitel 15 · Bo Maex Sounds Kapitel 16 · Vom Leben zum Podcast Kapitel 17 · Bo Maex heute Kapitel 18 · Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende Epilog · Einfach ich Schlusswort · Die Geschichte geht weiter